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Wo sind die sexy Bauarbeiter geblieben?

Weshalb hält sich hartnäckig das Klischee vom erotischen Bauarbeiters: Das Bild eines muskelbepackten, durchtrainierten, braungebrannten Mannes in knackigen Arbeitshosen, der mit derselben Leichtigkeit Wände und Kabeln anhebt, mit der er uns durchs Leben tragen würde (oder zumindest bis zum nächsten Bett). Warum stimuliert uns das Symbol Bauarbeiter so, dass wir das Klischee selbst dann aufrecht erhalten, wenn wir auf Männer wie Alois treffen? Alois, ein kleiner dicker Bauarbeiter, der zurzeit am Gerüst unseres Nachbarhauses steht, Zigarette rauchend, mit einer Bierdose in der einen Hand haltend, den Rotz mit der anderen Hand gekonnt von der Nase pustend. Ein Mann, bei dem man sich nur Regenwetter wünscht, damit sein Hemd nicht weiter Richtung Bauchnabel aufgeknüpft wird. Warum verbinden wir Bauarbeiter mit sexy Männern?

Halten wir die sexy Bauarbeiter schlichtweg nur für besonders bedürftig? Oder für besonders triebgesteuert? Oder steckt etwas Anderes dahinter, wenn wir von Bauarbeitern schwärmen? Ich hätte es nie geglaubt, aber auch mich erwischte das Phänomen Muskelmann, und zwar anlässlich einer Baustelle bei einem Nachbarhaus unserer vorherigen Wohnung im 12. Bezirk in Wien. Am Tag X rückten vier Herren aus dem Ausland mit mangelnden bis nicht vorhandenen Deutschkenntnissen an das damalige in Bau stehende Nachbarhaus an. Zwei von ihnen waren meinem persönlichen Bauarbeiter-Klischee sehr nahe. Sie fielen mir von Anfang an auf und entwickelten sich im Laufe der Baustellenzeit weiter zu meinen Lieblingen. Sie kamen bei der über ihnen stehenden Sonne ordentlich ins Schwitzen und zogen irgendwann ihren Pulli aus. Nur noch mit einem ärmellosen, teils zerrissenen Shirt bekleidet bewegten sie sich auf der Baustelle auf und ab. Ihre beachtlichen Oberarme waren dadurch noch besser zu sehen – kombiniert mit einem attraktiven Gesicht und lässig in die Augen fallenden Haarsträhnen - der andere ein geiler Glatzen-Mann. Ich bestaunte unauffällig ihre Körper und ihr aufmerksames Lächeln und dichtete ihnen in meiner Phantasie gleich noch einen umwerfenden Charakter an. Hätte ich etwas dagegen gehabt, mein frisch aufgebautes Bett mit ihnen einzuweihen? Im Gegensatz zu Alois waren meine zwei damaligen Bauarbeiter eindeutig sexy.

So unterschiedlich die Spezies Mann im Handwerkerlook im echten Leben demnach auch sein kann: der Mythos sexy Bauarbeiter ist ungebrochen. Was macht ihn also sexy? Es ist nicht konkreter Sex, der den Bauarbeiter für mich sexy macht. Es ist das Verhalten, das ich damit assoziiere: klare Ansagen und handfeste, zupackende Reaktionen. Der Bauarbeiter steht für einen Typen, der sich kurz umsieht, und dann sagt: „Alles klar. Keine Sorge, ich kümmere mich darum." Einer, der redet, aber auch einfach mal ,nur' macht. Einer, der Verantwortung übernimmt, ohne Wenn und Aber, ohne Ängste und ohne seitenlange Pro und Contra-Listen. Bei so einem Mann fühle ich mich beschützt, unterstützt und gut aufgehoben. Das hat nichts damit zu tun, dass ich mich nicht um mich selbst kümmern könnte. Es ist nur beruhigend zu wissen, dass der Mann an meiner Seite es auch tun würde. Ganz unabhängig davon, wie viele Muskeln er hat. Doch auf der Baustelle gegenüber, bei unserer neuen Wohnung, finde ich keine sexy Arbeiter mehr. Wo sind sie alle nur geblieben? Dutzende Alois bewegen sich schleichend, schon fast robbend hin und her. Aus dem Mund funkeln von der Sonne angestrahlt zwei drei goldene Zähne - teils sind auch die nicht mehr vorhanden. Die grauen Brusthaare überdecken nicht nur den Bauch, selbst der Rücken ist damit übersät. Wie Babys am Schnuller wird an der Zigarettenkippe genuckelt. Das wichtigste Werkzeug dürfte wohl das Handy sein, ... Schnell wird mir - wenn ich die aufgeknüpften Hemden sehe - bewusst, auch der Sommer hat seine Schattenseiten. 

 

* Wie ich auf den Namen Alois komme? Ich höre seine Kollegen immer rufen: "Loisl - mach weiter"

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Kommentare: 1
  • #1

    Kurt (Freitag, 07 Juni 2019 05:46)

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