· 

Mein Coming-out und die Folgen

Heute möchte ich euch von meinem Coming out erzählen - ein Coming out - welches nicht ohne Folgen blieb und das Familienleben vollkommen durcheinander rüttelte. Für die meisten ist diese Lebensphase auch heute noch nicht ganz einfach, sondern mit Ängsten und Unsicherheiten verbunden. Viele Schwule im Coming-out fühlen sich alleine und glauben, dass es etwas Schreckliches ist, schwul zu sein. Sie wissen noch nicht, wie sie andere Schwule kennen lernen können und mit wem sie über ihre noch neuen Gefühle sprechen könnten. Fragen wie "Wieso gerade ich?", "Werde ich dennoch glücklich werden können?", "Wie reagieren meine Eltern, Kollegen und Freunde?" - kommen auf.

Ich wusste schon recht früh dass ich schwul bin. Ich entdeckte auch schon recht schnell, wo man Männer mit dem selben Interesse kennen lernen kann. Beim Baden am Bodensee beobachtete ich Männer - auch Familienväter - wie sie vom Liegeplatz in die Gebüsche hatschten. Man wurde neugierig und ging hinterher. Die Handbewegungen an der Badehose waren recht eindeutige Zeichen.

Bei meinen vielen Reisen mit dem Auto von Bregenz nach Hamburg, Wien oder nach San Remo habe ich schnell feststellen dürfen, dass Rastplätze - besonders am Abend - gern besuchte Orte von Gays, Bi-Männer und Heteros sind. Ich behaupte sogar, wir Schwulen haben tatsächlich eine Art Radar, Gleichgesinnte durch Gesten, ihr Auftreten, bestimmte Eigenschaften, ... erkennen zu können.

Mein Outing empfand ich als eine sehr persönliche Angelegenheit. Die meisten Tipps bekam ich von Menschen, die sich bereits geoutet haben und den Schritt also vollzogen hatten. Bedenke bei deinem Outing, was dem einen Menschen hilft, muss für den anderen nicht vorteilhaft sein. 

Zu allererst war mir klar: Ich bin die wichtigste Person in diesem Prozess. Wie sieht es aus mit meinen Gefühlen? Bin ich zufrieden mit mir? Habe ich meine Form der Sexualität für mich akzeptiert? Das innere Coming Out, also das Akzeptieren meiner Gefühle gibt mir Sicherheit. Mein Selbstwert ist beim Coming Out von größter Bedeutung. Wenn ich eine positive Einstellung zu mir selbst habe, dann kann ich auch darauf vertrauen, dass ich ein Coming Out problemlos meistern werde, egal was kommen mag. Da ich in mir stabil war, bin ich in der Lage auch einmal etwas auszuhalten, das nicht so schön ist. Somit bin ich bestens vorbereitet, wenn ich bei einigen Menschen in meinem Umfeld auf Ablehnung treffen werde.

Als erster wichtiger Punkt für mein Outing war: Wer in meinem Bekanntenkreis ist für mich verlässlich genug, damit ich in einem persönlichen Gespräch einmal darüber reden kann? Ich dachte mir, schon nach dem ersten Gespräch mit einer anderen Person fühlt sich die Situation bestimmt anders an als zuvor. Klar war mir bei meinem ganzen Coming out-Prozess: Ich muss mich nicht outen. Niemand zwingt mich dazu. Es ist meine ganz persönliche Privatangelegenheit. Eines war mir jedoch auch klar: Ich muss den anderen Menschen Zeit geben, dies zu verstehen. Beim Coming Out bedenken die meisten nicht, wie lange Zeit sie selbst benötigt haben, um zu begreifen, wie ihre eigene Gefühlswelt zu bewerten ist. Diese Zeit benötigen meist auch all die Menschen in meinem Umfeld. Man denkt sich: Menschen, zu denen mich bisher eine tiefe Beziehung verbindet, werden die Einstellung zu mir nicht verändern, nur weil ich mich oute. Doch da lag ich falsch.

Dass ich schwul bin, wusste ich seit ich denken kann. Ich bewunderte die gut gebauten Männer in Bade- und Unterwäsche in Mutters Quelle-Katalog. Man fühlte sich zum ein oder anderen Lehrer besonders hingezogen. Manche Lehrer fand man schon richtig geil. Irgendwann rückte die Zeit des Outings nahe. Zum einen, weil ich es wollte - zum anderen, weil manche Situationen mich regelrecht dazu gezwungen haben.

Ich wollte mich nicht länger verstecken müssen und mich bei meinem älteren Bruder, der dies von einem seiner Freunde schon länger wusste, erpressbar machen lassen. Ich wurde von ihm bei der Familie und den Verwandten immer als "der Sündenbock" dargestellt. Da war schon mal zu hören: "Wenn du etwas anderes behauptest, sage ich allen, dass du schwul bist." Das wäre zu meiner Zeit die Sensation in der Familie, bei den Verwandten und im Dorf gewesen. Er schmückte es ja noch aus: Er wolle allen sagen, dass ich AIDS habe, obwohl er wusste, dass dies nicht der Fall ist. (AIDS war zu der Zeit "die Schwulen-Krankheit", besonders in meinem Umfeld.) Da wurde von ihm schon mal Geld gestohlen, auch andere Dinge angestellt, die unschön waren. Es wurden Unwahrheiten in die Welt gesetzt und Betrügereien begangen.

Aber auch meine Großeltern väterlicher Seite nervten mich bei jedem Besuch mit den Sätzen: "Wir sind gespannt, wann du endlich mal ein Mädele nach Hause bringst und uns ein Enkelkind schenkst." Das nervte derart, dass ich sie schon gar nicht mehr besuchen wollte.

Deshalb: Mein Outing sollte kurz, und für mich schmerzlos werden. Als ich und meine Mutter eines Tages am Küchentisch saßen, da war ich an die 20 Jahre alt, sagte ich ganz locker und trocken zu ihr: "Ich bin schwul!" Wie wird sie nun reagieren? Wenig überrascht kam nur folgende Reaktion in Form eines Satzes: "Hoffentlich bringst du die besseren Männer nach Hause als ich es mit deinem Vater getan habe." Dann war es kurz still, schon folgte der nächste Kommentar: "Das ist aber jetzt kein Grund mir nicht mehr beim Kochen zu helfen. Schließlich bist >du< der gelernte Koch, egal ob schwul oder hetero." Ihre Reaktion zeigte mir, sie dürfte es schon längere Zeit erahnt haben. Mütter haben hierfür ein besonderes Gespür.

Hurra, es ist draußen - der erste Schritt ist getan. Am Abend hat sie es dann wohl meinem Vater erzählt. Auch sie brauchte jemanden, dem sie es anvertrauen kann. Schließlich kommen auch der Mutter, nach meinem Outing, viele Fragen auf: Wie reagieren die Verwandten und die Nachbarn, ... Selbst der Traum von weiteren Enkelkindern ist mit einem Schlag hinfällig geworden. Die Reaktion vom Vater war dann doch etwas heftig und für mich überraschend: Seit diesem Tag sprechen wir kein Wort miteinander. Kein Geburtstagsgruß, keine Neujahrswünsche - nicht eines Blickes bin ich ihm würdig. Das nun seit 30 Jahren. Ich kann sehr gut damit umgehen, besser als er es heute kann. Er meinte nur mal ganz kurz, so in der ersten Woche meines Outings: "Er möchte mit mir nichts mehr zu tun haben. Schwule seien widerlich." So war mir klar, er ist zwar mein Erzeuger, jedoch nicht mein Vater. Aus seinem Liebling wurde plötzlich das größte Elend seines Lebens. Das hat er mir auch deutlich zu verstehen geben. Ich ließ ihm Zeit, doch es wurde immer schlimmer. Mein älterer Bruder nutzte diese Gelegenheit und schleimte sich bei ihm ein. 

Doch dann folgte etwas Erstaunliches: Nach meinem Outing kam es mir so vor, als waren plötzlich alle schwul. Es outete sich mein Cousin, der Bruder meines Schwagers war auch schwul, ein weiterer Cousin outete sich, ein Nachbar und guter Freund sagte mir, dass er schwul sei. Der Kreis der Gleichgesinnten wurde immer größer. Einer mussten wohl nur den Anfang machen. 

Mein Vater hat gehofft, die ganze Verwandschaft auf "seine Seite" holen zu können. Er wollte, dass sie sich von mir distanzieren. Er startete regelrecht eine Hetzjagd auf mich. Plötzlich besuchte er mit meinem Bruder Verwandte, die sie zuvor nur an Beerdigungen und Hochzeiten gesehen haben. Es war ja schließlich DIE Sensation. Doch fast alle wendeten sich immer mehr von ihm ab. Sein Wunsch wäre wohl gewesen, dass all meine Onkels, meine Tanten, meine Cousins und Cousinen - die ganze Verwandtschaft, die Nachbarn, ... sich von mir distanzieren. Doch es kam anders. Ein kleiner Haufen - mein älterer Bruder und dessen Frau, ein paar Verwandte väterlicher Seite - sind nun seine einzigen Verbündeten. Heutzutage reagieren Menschen bestimmt anders, sie sind aufgeklärter, offener und vielleicht auch ein wenig gebildeter. Mein Outing bereue ich auch nach diesem Erlebnis nicht. Ich lebe seither offener und ehrlicher - mit mir und meinen Mitmenschen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Gerd (Sonntag, 05 Mai 2019 14:37)

    Ich denke dass es schon immer Menschen gab die etwas gegen Homosexualität hatten. Aber es ist schön dass wir schon so weit sind wie wir sind. Ich bin zwar hetero aber fühle mich der Homoszene sehr zugetan. Mein bester Freund ist ein Homosexueller. Nur stören mich die internen Diskriminierungen, innerhalb der Szene (Bi/Schwul/Lesbisch). Gemeinsam wäre man stärker.

  • #2

    Gerry Bradshaw (Sonntag, 05 Mai 2019 22:24)

    Vielen Dank fürs Teilen deiner Erlebnisse vom Coming Out. Die Geschichte vom giftenden Bruder und sich abwendenden Vater stimmt traurig, aber es ist sicher richtig den Schritt trotzdem nicht zu bereuen. Zum Leben der eigenen Wahrheit gibt es schlicht keine Alternative, die nicht seelisch belastend wäre, wie es eben das stetige Lügen ist. Umso schöner, dass du dich mit der Situation soweit arrangiert hast, diebezüglich sehr gefestigt scheinst und es eben nicht bereust. Ganz liebe Grüße und nochmals vielen Dank für den Text!