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Männerfreundschaften schwul/hetero - kann das funktionieren?

Hallo und liebe Grüße aus meiner Heimatstadt Wien. Als schwuler Mann Freundschaften mit Hetero-Männern zu haben kann ja ganz schön kompliziert sein. Kann - wenn man nicht die richtigen Freunde hat. Solche (schwul/hetero) Freundschaften haben jedoch viele Vorteile: Zum Beispiel, dass die beiden Jungs sich gegenseitig die besten Wing Men seien, also dem jeweils anderen ideal beim Flirten und Anbaggern beistehen könnten – und nicht etwa im Weg, was ja, wenn das Objekt der Begierde das gleiche ist, durchaus passieren könnte. Oder, dass man so eine andere Subkultur kennenlernen und offen für Neues bleibe, weil man Freunde habe, die anders tickten als man selbst. 

Klingt bis hierhin ganz gut. Doch ein klein wenig unterscheiden sich immer noch Hetero-Homo-Freundschaften unter Männern von anderen, „normalen“ Freundschaften. Anders war es immer schon bei schwuler Mann/hetero Frau Freundschaften. Eine Zeit lang war es unter Frauen ja mal sehr hip, sich einen homosexuellen Kumpel zu wünschen, weil mit dem sicher alles „ganz einfach“ sei (wegen keine Verknall-Gefahr) und er einen ja bestimmt „viel besser verstehen könne“. Was natürlich Käse ist, weil auch jeder schwule beste Freund ein komplexer Mensch ist. Und nicht nur schwul und sonst nix. Man(n) übersieht dabei, dass so eine Art von Beziehung, zwischen schwulem und hetero-Mann noch vor einer Generation unmöglich gewesen wäre. Darum ist es wichtig, darauf aufmerksam zu machen und die neue Generation zu feiern.

Homophobie, vor allem in ihren aggressivsten Varianten, war und ist oft von Männern gegen Männer gerichtet. Dass es jetzt öfter Freundschaften, also ein entspanntes Verhältnis zwischen Schwulen und Heteros gibt, und das auch in der Popkultur porträtiert wird, ist also ein Zeichen von Fortschritt. Natürlich ist es so: Es gab die „schwulen/hetero-Freundschaften“ schon immer – aber vor allem der heterosexuelle Teil wusste es oft nicht. Einer meiner Hetero-Freunde gestand mir, er hatte damals ein Problem die Freundschaft zu mir seinen Kumpels zu erzählen. Aus Angst, selbst als Schwuler dargestellt zu werden. Das war nicht männlich, mit einem Schwulen abzuhängen. Heutzutage ist es schon fast "IN" einen schwulen Mann als Freund zu haben. Das Vorurteil, schwule Männer könnten ihre Finger nicht von anderen Männern lassen, ist nicht nur sehr eklig, sondern leider auch sehr hartnäckig. Und das macht ein Coming-Out, das sowieso schon schwer genug ist, nicht leichter. Ein Coming Out von beiden Seiten: Ein Schwuler, der sich seinen Freunden öffnet und ein Hetero, der seinen Kumpels erzählt, dass er einen schwulen Freund hat. Aber je größer die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität ist, desto mehr Menschen trauen sich, sich zu öffnen. 

Von meinen besten Freunden sind drei hetero und verheiratet, zwei sind schwul wie ich. Und das sind wahre Freunde. Bei mir kommt es nicht auf die Quantität, vielmehr auf die Qualität einer Freundschaft an. Wer in sozialen Netzwerken unterwegs ist, weiß, wie schnell man eine drei- oder vierstellige Anzahl an Freunden zusammenbekommt. In meinen jungen Jahren war ich so, je mehr Freunde ich hatte, umso cooler und beliebter fühlte ich mich. Heute sind Freunde für mich etwas Besonderes. Wenn man sich darüber Gedanken macht, was Freundschaft ausmacht, dann fallen mir viele Eigenschaften ein: 1. Man kann sich alles erzählen und über alles reden – mit der Sicherheit, dass Vertrauliches nicht weitergetragen wird. 2. Ein Freund lästert nicht heimlich über den anderen. 3. Auch ein Streit tut der Freundschaft keinen Abbruch, man verletzt sich auch in einer Diskussion nicht. 4. Kritische und ehrliche Worte dem anderen gegenüber sind erwünscht – auch wenn sie im ersten Moment unangenehm sind. 5. Das Zusammensein ist schön, aber keiner engt den anderen ein. 6. Freunde motivieren und unterstützen sich gegenseitig. 7. In schwierigen Zeiten ist man füreinander da, man kümmert sich. 8. Man muss sich vor dem anderen nicht zusammenreißen oder verstellen. 9. Freunde nehmen sich gegenseitig in Schutz – wenn es nötig ist. 10. Man will den anderen nicht verbiegen oder verändern. 11. Die Vertrautheit bleibt bestehen – selbst wenn man sich länger nicht gehört oder gesehen hat.

Heute besteht mein Hetero-Freund darauf, bei unseren gemeinsamen Reisen, mit mir ein Doppelzimmer zu nehmen. Wir blödeln miteinander - am Balkon, im Zimmer und im Bett. Wir lachen miteinander, knuddeln uns und erzählen uns Vertrautes. Die Hemmschwelle ist bei uns schon so gesunken, dass wir mittlerweile immer nackt im Bett liegen, wie zuhause in den jeweiligen eigenen vier Wänden. Das macht wahre Freundschaft aus. Erst letzte Woche, am 30. Juli, war "Tag der Freundschaft". Heute möchte ich mit diesem Blogartikel, wie schon im realen Leben, meinen Freunden DANKE sagen. Danke für eure Freundschaft. Heutzutage sind die Menschen (teils) so aufgeklärt, dass es "normal" ist, einen schwulen Freund in seinem Freundeskreis zu haben. Meine Männerfreundschaften dauern jedoch schon bis in Zeiten zurück, an denen es noch uncool oder abnormal war, einen schwulen Mann als Freund zu haben. Umso mehr schätze und liebe ich euch. Auch wenn eure Fragen mir immer wieder ein Schmunzeln über die Lippen zaubern, das mag ich so an euch und zeichnet eine Freundschaft aus. Euch an meinen wichtigen Tagen und Entscheidungen bei mir zu haben bedeutet mir sehr viel. Danke! Dass es heute immer noch die unbelehrbaren Heten gibt, diese Erfahrungen darf oder muss ich immer noch miterleben, selbst im Bekanntenkreis.

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Kommentare: 1
  • #1

    Albert (Montag, 06 August 2018 12:06)

    Toller Artikel. Werde ich meinen Freunden empfehlen.

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