· 

Weshalb der Hinweis "schwuler Freund"

oder: Ist "schwul" immer noch ein Schimpfwort?

Hallo und liebe Grüße aus Wien. Ich freue mich, dass du wieder zu meinem Blog gefunden hast. Letztens wurde ich von einem "Hetero-Mann" bei einem Treffen mit seinen Freunden als "sein bester schwuler Freund" vorgestellt. War das angemessen oder bin ich da zu empfindlich? Ich stelle mal eine Gegenfragen: "Ist es denn so wichtig, den Freunden meine sexuelle Orientierung unter die Nase zu reiben?" "Bin ich, weil ich schwul bin, ein Exot?" Ich kann mich nicht erinnern, dass ich meine Freunde je einmal als "Hetero-Freunde" vorgestellt habe. Für mich ist es schon fast ein Zeichen, dass man immer noch Schwierigkeiten hat, als Hetero zu seinem schwulen Freund zu stehen. Gleich vorweg, ich habe kein Problem mit dem Wort "schwul". Ich sehe das Wort auch nicht negativ oder als Schimpfwort an. Selbst ich verwende das Wort schwul immer wieder. Jedoch kommt das Wort "schwul" schnell in einem negativen Kontext über die Lippen. Die Aufgaben sind voll schwul, das Lied von Band XY ist ja mal mega gay und der Neue ist so eine richtige Schwuchtel. Ich möchte Menschen, die diese und ähnliche Wörter benutzten, nicht grundsätzlich Homophobie unterstellen, dennoch bin ich der Meinung, müssen wir unseren Sprachgebrauch endlich überdenken.

Das Wort schwul ist das weitestverbreitete deutsche Wort für homosexuell und bezeichnet üblicherweise die männliche Homosexualität. Immer häufiger wird es im öffentlichen Sprachgebrauch verwendet. Mit schwul wird häufig auch bezeichnet, was charakteristisch für Schwule und deren Interessen ist oder was diesen zugeordnet wird. Ich gehe zum Beispiel gerne in schwule Bars und schwule Lokale, besuche schwule Saunen, lese schwule Zeitschriften und sehe mir schwule Internetseiten an. Selbst für meine Reisen suche ich immer wieder gerne schwul geführte oder gar schwule Unterkünfte aus. Ich führe ja schließlich auch diesen schwulen Blog. Aber werfen wir einen kurzen Blick in den Duden: Dort wird als letzte von drei möglichen Bedeutungen angeführt, dass schwul in der Jugendsprache „Verdruss, Ärger, Abneigung hervorrufender Weise schlecht, unattraktiv, uninteressant“ bedeuten kann – immerhin mit dem Hinweis, dass es häufig als diskriminierend empfunden werde. Woher kommt das? Mir würde niemals in den Sinn kommen, einer anderen Person ihre Heterosexualität zum Vorwurf zu machen. „Der Unterricht ist so furchtbar hetero“ oder "Der Reiseleiter ist ja voll die Hete“ habe ich persönlich noch nie gehört. 

Wenn ich mittlerweile Schulkinder in meiner Heimatstadt Wien in der Straßenbahn oder U-Bahn höre, die das Essen in der Schulkantine mega schwul fanden, dann versuche ich ihnen zu erklären, dass das Essen vielleicht zum Kotzen geschmeckt hat, aber sicherlich nicht schwul. Die sexuelle Orientierung ist nichts, für das jemand beleidigt werden darf. Ich wurde vor Jahren mal von einem merkwürdigen Bekannten als Schwuchtel bezeichnet. Das Wort Schwuchtel war hier ganz bewusst gewählt und zielte auf meine sexuelle Orientierung ab. Mich hat das sehr getroffen. Nicht weil ich mir meiner sexuellen Orientierung nicht sicher wäre, sondern einfach, weil ich nicht derart beleidigt werden möchte. Wir müssen lernen, dass Wörter wie schwul, Lesbe oder behindert keine Schimpfwörter sind, sondern zustandsbeschreibende Worte. Wer, warum auch immer, irgendwie das Gefühl hat, mich einfach so beleidigen zu müssen, soll mich lieber Arschloch, Trottel oder Vollidiot nennen. Das wären wenigsten standesgemäße Beleidigungen.

Darum denke ich, war es bestimmt nicht beleidigend gemeint, als mein Freund mich als seinen "schwulen Freund" vorgestellt hatte. Es war jedoch unpassend und gab mir das Gefühl, ein Exot zu sein. Ich bin (s)ein Freund, das sollte genügen. Vielleicht hatte es auch ein wenig den Beigeschmack, man müsse zwingend beweisen, dass man selbst aber nicht schwul ist, sollten mich Andere aus der Gruppe schon von irgendwoher kennen. Als ich ihn nach dem besagten Treffen darauf angesprochen hatte, erklärte er mir, dass er mir so zeigen wollte, dass er nichts gegen Schwule hat, er mich lieb gewonnen hat und er stolz sei, einen "schwulen Freund" zu haben. Ich habe ihm meinen Standpunkt erklärt. Die sexuelle Orientierung hat, wenn es nach meiner Meinung geht, nichts in einer Vorstellung verloren. Was meint ihr, bin ich zu empfindlich?

Kommentar schreiben

Kommentare: 0