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"Jetzt sans wieder weg, die Bachenen"

"Jetzt sans wieder weg, die Bachenen*. Und die Bim (Übersetzung: Straßenbahn) schaut a wieder normal aus." Ich habs versucht so im Blog wieder zu geben, wie ich es in der Straßenbahnlinie 6 auf der Fahrt von meinem Zuhause in Richtung Westbahnhof (Mariahilfer Straße) gehört habe. Als gebürtiger Vorarlberger tut man sich da schon ein klein wenig schwer, das Wienerische 1 : 1 nieder zu schreiben. Doch diese Geschichte finde ich so amüsant, dass ich euch unbedingt daran teilhaben lassen muss. Mein Mann und ich sitzen in der Straßenbahn Nr. 6 der Wiener Linien auf dem Weg von unserem Zuhause in Richtung Westbahnhof. Ein Einkaufsbummel in der Mariahilfer Straße ist angesagt. Wieder einmal haben wir eine der alten Bim ohne Klimaanlage erwischt. Eigentlich egal, denn diese mag ich lieber als die neuen Ulf, die ja auch schon wieder alt sind und von FLEXI abgelöst werden. Doch zurück zum eigentlichen Thema:  Uns gegenüber sitzt ein älteres Pärchen - kleinwüchsig, irgendwie sehen sie so richtig nett aus. Ich schätze beide mal um die 75 Jahre alt. Sie erinnert mich ein wenig an meine Großmutter mütterlicher Seits mit italienischer Abstammung. Die Falten zeichnen ihre Gesichter, eingepackt sitzen sie da, sie mit Mantel und dickem Hut, bei warmen 30 Grad Außentemperatur. Sie dürften beide wohl am Viktor Adler Markt in Wien 10 für ihren Mittagstisch eingekauft haben. Ein paar Kartoffeln, eine Staude Tomaten und Petersilie schauen aus ihren Sackerln hervor. Sie sitzen in Fahrtrichtung uns gegenüber, wir somit gegen Fahrtrichtung. Irgendwann so auf Höhe der Station Matzleinsdorfer Platz sagte die ältere Dame zu ihrem Mann: "Jetzt sans wieder weg die Bachenen. Und die Bim schaut a wieder normal aus". Er nur: "Geh sei stüh, die san überall. Die lösen sich doch nit in Luft auf." Ich fing an zu schmunzeln, die ältere Dame schmunzelte mit. Sie dachte wohl, ich bestätige mit meinem breiten Grinsen ihre Aussage. "Do schau her, der junge Herr (sie meinte mich) siehts genau wie i", führte sie hinzu. Ich sagte mit meinem breiten Grinsen im Gesicht: "Ihr Mann hat recht, sie sind noch immer überall." 

Sie nur: "Aber nimma so vüh (Übersetzung: viel)". Ich: "Zwei davon sitzen euch gegenüber" und mein Grinsen in meiner schadenfrohen Fresse wurde immer breiter. "Geh, ihr zwa sats doch verheiratet, i sehs an euren Ring. Ihr hobts beide an Ehering an." Ich dann zu ihr: "Ja, wir sind aber miteinander verheiratet. Wenn Sie die Ringe genauer ansehen, es sind die gleichen." BUMM - das hat gesessen. Ich dann weiter: "Sehen Sie, Sie haben gar nichts bemerkt. Wir tun euch nicht einmal weh, denn keiner von uns vier hat jetzt irgendwelche Schmerzen, Herzprobleme oder Durchfall bekommen." Sie dann zu ihrem Mann: "Geh - glaubst du ihm des? Die san doch net schwul." Er etwas zurückhaltender: "Na wenn ers sagt. Des kommt, weils immer dei blede Goschn so aufreißen musst." Ich dann nur: "Das ist doch kein Problem. Ich finde solche Erlebnisse, wie mit euch beiden, einfach nur schön und amüsant. So etwas erleben wir öfters. Und wegen der Regenbogenfahne auf der Straßenbahn, damit sieht die Bim auch nicht viel anders aus. Nur ein klein wenig bunter und schöner. So wie die ganze Stadt in den letzten zwei Wochen war - schöner, offener, friedlicher und bunter." Leider, die Station Arbeitergasse kommt und die zwei netten alten Leute müssen aussteigen. "Tschuldigens bitte, wenn ich ihna unrecht duan hob, aber von euch zwa glaub is net." Es ist nicht unsere Aufgabe, den zwei älteren Herrschaften beweisen zu müssen, dass wir zu den "Bachenen" gehören, aber weil ich diese Situation so schön und amüsant fand, wollte ich sie euch unbedingt erzählen. 

Foto: Das Foto habe ich mal im Prater gemacht, erinnert mich an diese Frau. 

* Das Wort Bachener dürfte in Wien wohl ein gängiges Wort für Schwule sein. Ich kannte es nicht, mein Mann hat mich aufgeklärt. Wo diese Frau das Wort aufgeschnappt hat, bleibt wohl ihr Geheimnis.

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Kommentare: 4
  • #1

    Alois H. Innsbruck (Donnerstag, 20 Juni 2019 08:46)

    Einfach nur genial. Danke für diese Story. Wird auf meinem FB geteilt.

  • #2

    Zlatko (Donnerstag, 20 Juni 2019 09:05)

    Und die "Bachenen" werden immer mehr!
    Danke, dass du uns an deinem Erlebnis teilhaben lässt. So ähnlich ist es uns ergangen. Nicht ganz so amüsant, aber auch friedlich und zum Schluss hin mit einer hitzigen aber sachlichen Diskussion. Wir wurden gefragt, weshalb man noch eine Parade benötigt, wenn wir eh schon heiraten dürfen. Es wurde gefragt, was wir noch mehr brauchen. Das alles aufzuzählen hat etwas Zeit in Anspruch genommen.

    Mag deinen Blog sehr und freue mich auf viele weitere Beiträge!

  • #3

    Bernd (Donnerstag, 20 Juni 2019 09:52)

    Hier muss man etwas Verständnis für die "ältere Generation" aufbringen. Die sind wohl etwas überfordert mit uns "Bachenen". Gut zu wissen ist schon mal, dass sie wussten, was es mit der bunten Fahne auf der Bim auf sich hat. Das wissen nämlich die wenigsten.

  • #4

    Erich aus Wien (Donnerstag, 20 Juni 2019 12:24)

    Bin selbst überrascht, welche Ausdrücke meine Oma in den Raum wirft. Bachene, Woame, Schwule, Gsöchte. Meine Großeltern finden die "bunte Zeit" gut. Waren 2016 selbst als Zuseher bei der Parade. Danach gng es gesundheitich nicht mehr so wie sie wollten.